WEGHAFTES. ARCHITEKTUR UND LITERATUR




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3.4 / Der Weg in der Architektur-auf konzeptueller Spurensuche
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WEG UND ORT - die Erschließung des Raumes
3.4.4 / "DIE GRAZER DOPPELWENDELTREPPE" /

Die Treppen von Graz

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Erich Fried

Seit vierhundertachtzig Jahren
Stein auf Steinen
die Steine tragen:
Die Doppelwendeltreppe
graue Gotik
und Anlass zu Fragen.

In den Treppenturm
links vom Torbogen
sehe ich hinein
und Frage türmt sich auf
wie Stein auf Stein:

Wer hat diese Doppelwendeltreppe
erdacht ?
Ist sie für ein Märchen
oder für einen Traum gemacht ?
Dass man zugleich
beide Treppen ersteigt
und auf jedem Absatz
sich selbst begegnet und schweigt
und sich ineinander findet
und wieder entzweit
Diese Doppeltreppe verbindet
und verschraubt den Raum
mit der Zeit ...

Mit der vergangenen Zeit
die einen in Graz nie verlässt:
Der Türk auf dem Haus -
Und auf dem Landplagenbild
Türk und Pest.
Und die Treppen im Landhaus
allseits umschlossen: Betroffen
steht man dann auf der Galerie,
nach dem Innenhof frei und ganz offen.

Und die anderen Treppen,
am Berghang, vom Schlossplatz zu sehen
da kann ich im Zickzack
hinauf bis zum Uhrturm gehen
und dann hinuntersehen
Auf Türme und Dächer und Gassen:
Wenn ich in Graz bin
kann ich das Treppensteigen nicht lassen
um mich wieder an Bildnissen
längst toter Männer und Frauen
und wider an allem alten
Lebendigen sattzuschauen

Denn wenn auch eine Gasse heißt
nach der Neuen Welt
ist es doch der alten Welt Geist
der mich hier hält
und mich schön umstellt.

(entnommen "Europa Erlesen Graz", Hrsg. Wieser Verlag Klagenfurt 2002)
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Nicht zufällig findet man in Konrad Wachsmann`s Buch "Wendepunkt im Bauen" (1) die Grazer Doppelwendeltreppe in der Burg unter einer Reihe ausgesuchter Bauten, die eine neue strukturelle Auffassung des Bauens im 20. Jahrhundert dokumentieren. Sie ist die Mutter der Grazer Treppen. Bei aller gotischen Steinmetz-Meisterschaft rückt nicht die rein konstruktive Leistung ins Blickfeld, sondern die Wahrnehmung eines Raumerlebnisses, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Er ist es, der im Begehen der Treppe den begrenzten Raum überschreitet und vom "Zauberwerk" berührt wird. Ein Schlüsselwerk der Architektur spricht zu uns.

Inwiefern ist die Doppelwendeltreppe ein "Kind der Stadt", das viel vom Geist dieser Stadt vermittelt, darüber hinaus aber die Augen für eine neue Sicht von Architektur öffnet, die fähig ist neue Gestalt anzunehmen ?

Zunächst irritiert sie mit ihrem Standort in der Burg, die sich der interessierte Stadtbesucher irgendwo "oben" vorstellt. Mitnichten, denn diese drängt sich zwischen Dom, Mausoleum, alter Universität und Stadtmauer in das Stadtgefüge, wohl an einem erhöhten Standort gegenüber dem Stadtzentrum mit Hauptplatz, aber keinesfalls signifikant herausgehoben. Der Treppenturm wiederum zieht sich zurück an die Hinterseite des 1. Burghofes und tritt nach außen so unspektakulär hervor, dass man bei einer Burgbesichtigung geradezu verführt wird daran vorüberzugehen. Wenn nicht, dann nur deshalb, weil ein Führer auf die vielgedeutete Signatur AEIOU hinweist, die im anschließenden Torbogen eingemeisselt ist (austria erit in orbe ultima ? - auch eine ungelöste Frage). Kaiser Friedrichs III ideelle Präsenz lässt den Schritt anhalten, um den Turm zur linken Hand durch eine schmale Tür zu betreten.

Dann aber erschließt sich das Innere des schmalen Turmes in überraschender Weise: die Treppe kommt einem entgegen, sie zieht heran, lockt hinauf, bietet einen Antritt an, verschleiert das Raumbild im partiellen Blick auf wenige Stufen, reißt das Auge in ihrer Vertikalität hinauf an der gekrümmten Umfassungsmauer und kommt zugleich mit ihrem gerundeten Krümmling der tastenden Hand entgegen. Unversehens wird man von der rätselhaften Form, die sich vornehmlich an der Unterseite des Treppenlaufes abzeichnet, erfasst und emporgezogen, muß sich dem Sog des Raumes wie in einer Stromschnelle ergeben.

Anatol Ginelli (2) beschreibt in einem Text "Verdoppelnde Überschneidung" die Treppe (Zwillingswendeltreppe, gedoppelte Wendelstiege) einsichtig: "Zwei je zu einer Wendeltreppe gehörende Treppenläufe, von einem Antritt ausgehend, laufen nach links und nach rechts, einander entgegengesetzt, sie treffen sich höher in der Mitte zwischen den beiden Spindeln, vereinigen sich hier und gehen dann, höhersteigend, wieder auseinander. Die Einläufigkeit wechselt mit der Zweiläufigkeit. Den Grundriss können wir mit der Form einer Acht vergleichen: der Benutzer kann links- und/oder rechtsherum die Stiege begehen, er kann unterwegs von einem Treppenlauf zum andern wechseln. Kurz, zwei Wendeltreppen berühren, überschneiden sich, wachsen zu einer Zwillingstreppe zusammen."

Haben die gotischen Steinmetze der 1499/1500 erbauten Doppelwendeltreppe ihr handwerkliches Rüstzeug und ihre Fähigkeit zur Zeichnung von Rissen beiseitegelegt, um ein Vexierspiel zu kreieren ? Keinesfalls. Sie vertrauten vollständig der Geometrie und bedienten sich des Zirkels, um eine kreisförmige Figur zu schaffen. Sie brachten die Kreise zur Überschneidung und erkannten die Schnittkanten als Symmetrieachse. Die Treppenstufen formten sie werkstattmäßig als Elemente mit gleichbleibendem Steigungsverhältnis, die in einem Stück das Auflager, die ausladende Winkelstufe und die Spindel verband, die im unteren Bereich der Festigkeit wegen geschlossen, im oberen Teil als Treppenauge offen ist. Der hilfreiche Symmetrieschnitt wiederum ergab die Winkel der Schnitte im Überschneidungsbereich, womit die Gewähr gegeben war, dass die Treppe zusammenbaubar und kein Hirngespinst ist. Schließlich konnte der Aufbau in zwei gegenläufigen Schraubenlinien erfolgen, Hand in Hand mit dem Hochziehen des Mauerwerks, um nach Erreichung einer zweifachen Windung im Ausgleich der Kräfte das Werk zu vollenden.

Und dennoch, aller Logik im Aufbau zum Trotz hat der Architekt/Steinmetz ein Überraschungsmoment einfließen lassen, das einen erfasst und den Raum zum herausgehobenen Raumerlebnis werden lässt: den Rollenwechsel von ICH und DU. Im Begehen der Treppe folgt man, nachdem die problematische Entscheidung für den rechten oder linken Lauf gefallen ist, der Lauflinie in der auferlegten Krümmung, um nach der ersten Windung am Gegenlauf einer anderen Person, dem Du, zu begegnen. Auf symbolischer Ebene dem kritischen Selbst. Der Philosoph Emmanuel Levinas nennt das "das Denken am Anderen". Dieses begründet die Wahrnehmung einer Gegenseitigkeit. Anpassung und Rücksichtnahme sind gefragt. Sie regelt die erste, grundlegende Beziehung des Menschen zum Raum (der Grundriss - die zweite Dimension). Ein Netz spannt sich aus. Der vorläufigen Sicherheit folgt jedoch die Unsicherheit der notwendigen Entscheidung über den weiteren Weg. Entweder entschließt man sich, der bisherigen Drehrichtung zu folgen, oder in einer Achterschleife Schritt für Schritt nach oben zu streben, um auf einem auslaufenden Podest wieder zusammenzukommen. Ein Ziel ist erreicht. Das Podest bietet zur Ruhe gekommen beiden Platz. Die Wahrnehmung ersetzt die Hervorbringung. Von diesem Standort des wiedergefundenen ICH gibt sich der Raum als Ganzes zu erkennen, erschließt die Tiefe und Weite (der dreidimensionale Körper). Gedachte Symmetrie und in Sequenzen erfahrene Asymmetrie, verstärkt durch die einseitige Lichtführung durch kleine Fenster, ergänzen sich zu einer unaufhebbaren Einheit. Sie zeichnet die Ganzheit des menschlichen Leibes nach, der sich in den Raum ausweitet. Symbolisch ist es nach Jörg Splett die "leibhaftige Freiheit" der Interpretation, zu der sich nur derjenige aufschwingt, der den Weg von Anfang an gegangen ist. Sie ist sich des "Umweges" in der Überwindung der Hindernisse bewusst, kommt der Realität aber dadurch näher, dass er sie verlässt. Das ist das in der Architektur schlummernde Wunder - doch ein "Wendepunkt im Bauen".



Brief an den erbauer der grazer wendeltreppe im himmel

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Dorothee Sölle

Maestro
ich wäre glücklich ihre hände zu berühren
es schreibt ihnen ihre dankbare schülerin
meine architektonische fantasie war unentwickelt
doppelwendel das wort war mir noch nie zu ohrengekommen
vergessen hatt ich wie unschön es ist
eine treppe hintereinander hinaufzuwandeln
ich dachte eben nur an mich was hab ich denn sonst gelernt
an mich allein unter und über den steinen
maestro
mein jahrhundert ist schrecklich
die baukunst ist von der kunst zu lieben getrennt
da haben sie michnach dreihundert jahren erleuchtet
jetzt wird mir hell beim hinaufgehen
zu zweit fangen wir an uns trennen uns bald
von ihnen belehrt drehen wir uns um uns selber
doch nicht wie befürchtet für ewig
wir kommen wieder zusammen
maestro
genießen die andere seite des turms
die aussicht und unsern schönen schwung
sanft von den stufen gezogen
eine drehung nach rechts eine wendung nach links
ein langsamer tanz aus steinen
wir gehn uns verloren wir finden uns
so kommen wir höher hinauf
maestro
in meinem schrecklichen jahrhundert
gibt es wenig gelegenheit einen mann zu verehren
wir verstehen die männer zu schnell
aber für sie hab ich sieben tage gebraucht
um auch nur zu ahnen welches problem sie lösen wollten
es ist meins wie eh und je
sich trennen uns sich finden
maestro
kommen
und das zusammen
ich küsse ihre beiden hände
ich bin glücklich
über die erotische belehrung
im medium stein
und ich hab nicht den geringsten zweifel
hinsichtlich der adresse dieses briefes


aus: Dorothee Sölle: Verrückt nach Licht. Gedichte. Wolfgang Fietkau Verlag